Römer und Germanen am Limes A.D. 159


quis porro, praeter periculum horridi et ignoti maris, Asia aut Africa aut Italia relicta Germaniam peteret, informem terris, asperam caelo, tristem cultu aspectuque, nisi si patria sit?
Wer hätte ferner, ganz abgesehen von der Gefährlichkeit eines unwirtlichen und unbekannten Meeres, Asien, Afrika oder Italien verlassen sollen - um nach Germanien zu ziehen, in das wüste Land mit rauem Himmel, abschreckend für den Anbau und den Anblick, - außer wenn man es zum Vaterland hat?
Tacitus,Germania
Es war ruhig an der Grenze.   Quintus Aponius   von der cohors III. Germanorum fragte sich manchmal, ob das nicht die Ruhe vor dem Sturm war. Aber seit man ihn vor drei Jahren in dieses Grenzland am äußersten Ende des Imperiums versetzt hatte, gab es bis auf vereinzelte Scharmützel mit kleinen Gruppen der Barbaren keine kriegerischen Auseinandersetzungen.
Eigentlich hätte er es auch viel schlechter treffen können, dachte er. Zusammen mit seinen drei germanischen Kameraden hier Grenzdienst zu schieben, war so schlecht nun auch wieder nicht. Wenn man einmal von diesen verflucht kalten germanischen Wintern absah, ließ es sich hier durchaus aushalten.
Vor einigen Tagen hatte eine Gruppe von reisenden Händlern an seinem Turm angehalten. Sie hatten eine Erlaubnis des örtlichen Präfekten, hier für einige Tage einen Handelsstand zu eröffnen. Das Geschäft lief recht gut. Die Barbaren waren ganz versessen auf die feinen Importwaren aus den fernen Winkeln des Imperiums.
Quintus hatte selbst schon des Öfteren seinen kargen Sold aufgebessert, indem er einiges in der nächsten Garnisonsstadt organisiert und an seine Kontaktleute bei den Germanen verkauft hatte. Im Laufe der Zeit hatte er gute Kontakte zu einigen Einheimischen aufgebaut, die regelmäßig über die Grenze kamen. Zwar waren seine Kenntnisse ihrer Sprache immer noch recht dürftig, aber seine germanischen Kameraden konnten in solchen Fällen aushelfen. Einige der Barbaren sprachen auch etwas Latein, genug um sich über einfache Dinge zu verständigen.
Quintus merkte, dass er mal wieder richtig Appetit auf etwas Süßes hatte. Da traf es sich gut, dass heute scheinbar wieder Odarilke mit ihrem Mann Thorgulf über die Grenze wollte. Sie hatte während des Sommers öfter mal einen Topf Honig im Gepäck. Das wäre eine willkommene Abwechslung in der ewig gleichen Kost der Legionäre.
Natürlich speisten die Offiziere und Herrschaften im castellum da ganz anders, das Beste aus allen Gegenden des Imperiums war grade gut genug. Aber daran war natürlich für ihn als einfachen Turmkommandanten nicht zu denken. Vielleicht hatte er Glück und konnte ein Tauschgeschäft gegen eins der Tücher machen, die er von seinem letzten Besuch in der fernen Heimat mitgebracht hatte.
So betrachtet, hatte er eigentlich nichts dagegen, hier noch weitere Jahre Dienst zu schieben. Dann vielleicht sogar schon in einem dieser schicken neumodischen Steintürme, die neuerdings überall entlang des Limes als Ersatz für die alten Holztürme aufgebaut wurden.
Wenn er sich seinen Turm so ansah, dann hatte der seine besten Jahre schon lange hinter sich. Das ursprüngliche Schindeldach war irgendwann durch ein einfaches Strohdach ersetzt worden. Für das filigrane Holzgeländer anderer Türme hatte es an Ihrem Turm auch nicht mehr gereicht, da mussten eben einfache Bretter herhalten. Es zog im Winter erbärmlich durch Ritzen und der kleine Ofen in der Wachstube kam dagegen kaum an.
Quelle: wikimedia
Da machte so ein neuer Steinturm mit seinem strahlend weißen Anstrich natürlich einen ganz anderen Eindruck. Die Barbaren lebten in primitiven Häusern, oft mit ihrem ganzen Vieh unter einem Dach und mussten auf alle Annehmlichkeiten verzichten, die für jeden Bürger des Imperiums selbstverständlich waren. Die neuen Türme würden ihnen nochmal die Überlegenheit des römischen Lebens deutlich vor Augen führen.
Seit Antonius Pius Kaiser war, wurden einige Anstrengungen unternommen, den Limes weiter auszubauen. Wahrscheinlich lag das daran, dass die Barbaren im fernen Britannien wieder unruhig wurden und der Kaiser den Wall, den sein Vorgänger Hadrian dort hatte errichten lassen, weiter verstärken ließ. Seit der schmählichen Niederlage des Varus vor nunmehr 150 Jahren irgendwo in den Sümpfen des inneren Germaniens war es im Grenzland eigentlich recht ruhig gewesen. 
Aber der Kaiser wollte wohl allen Eventualitäten vorbeugen. Nach einigen Jahren der Strafexpeditionen ins innere Germanien, hatte Rom es vorgezogen, sich nicht mehr auf die militärische Expansion in Germanien zu konzentrieren und stattdessen lieber die Romanisierung der besetzten Gebiete voranzutreiben. Vielleicht würde ja aus Germania superior irgendwann eine genauso durch und durch römische Provinz wie Gallien werden.
 Odarilke  fragte sich wieder einmal, warum diese Römer eigentlich nichts besseres zu tun hatten, als hier Tag und Nacht ihre lächerliche Grenze zu bewachen und den kleinen Leuten ihre sauer verdienten Sesterzen mit Steuern und Zöllen gleich wieder abzunehmen. Immerhin gab es unter Ihnen den einen oder anderen, der eigentlich ganz vernünftig zu sein schien. Mit den germanischen Wachsoldaten konnte man sich immerhin in der eigenen Sprache unterhalten. Der Turmkommandant, dieser Quintus Aponius, konnte zwar kaum die heimische Sprache, aber mit ihren paar Brocken Latein konnte man sich doch leidlich verständigen und er hatte sich bisher eigentlich immer korrekt verhalten.

„Vielleicht kann ich meinen Honig ja wieder gegen etwas eintauschen und brauche gar nicht den Weg ins castellum zu machen“, dachte Sie sich. Diese Römer waren ja ganz versessen darauf, ihren Einheitsfraß mal mit einer Süßigkeit oder auch Schinken oder Wildbret aufzubessern. Es waren wohl auch wieder römische Händler am Turm, da würde sich vielleicht auch die eine oder andere Möglichkeit zu einem lukrativen Handel ergeben.
Überall an der Grenze wurden jetzt diese Steintürme aufgebaut, die den Barbaren, wie die Römer uns nannten, wohl die angebliche Überlegenheit der Römer zeigen sollen. Als ob es irgendeine Rolle spielen würde, ob man in Steinhäusern wohnt oder nicht. Die Bauweise unserer Häuser ist seit Urzeiten dieselbe geblieben. Warum sollte das, was unsere Ahnen erdachten, für uns heutige nicht mehr gut genug sein? Sollte Thorgulf jemals ein solch verweichlichtes Exemplar von einem Mann werden, wie ich sie im castellum der Römer sah, dann könnte er sich gleich eine neue Frau suchen. Vielleicht unter diesen Lagerflittchen , die in der Garnisionsstadt den Männern schöne Augen machten.
Seit der ruhmreichen Schlacht gegen die Legionen des Varus, die vor Generationen unsere Vorfahren weit im Norden schlugen, begnügten sich die Römer mit ihrer jetzigen Grenze. Vielleicht glaubten sie immer noch, das wir langsam ihre Sitten und Gebräuche annehmen und genauso wie sie werden würden. Aber sie begriffen nicht, dass wir zwar gern ihre Waren nehmen, die wir nicht selber herstellen. Aber im Grunde können wir auf diesen Tand auch verzichten und weiter nach den Sitten der Altvorderen leben.
„Immerhin gab es wenigstens seit den Zeiten meiner Großmutter keinen großen Krieg mehr“, dachte sie, und das war allemal besser, als sich wegen irgendwelcher Männerprobleme gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. 
Man würde sich an der Oberfläche mit den Römern arrangieren, aber sich doch eher fremd bleiben.
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Hier noch ein paar Fotos:



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