quis
porro, praeter periculum horridi et ignoti maris, Asia aut Africa aut
Italia relicta Germaniam peteret, informem terris, asperam caelo,
tristem cultu aspectuque, nisi si patria sit?
Wer hätte ferner, ganz abgesehen von der Gefährlichkeit eines unwirtlichen und unbekannten Meeres, Asien, Afrika oder Italien verlassen sollen - um nach Germanien
zu ziehen, in das wüste Land mit rauem Himmel, abschreckend für den
Anbau und den Anblick, - außer wenn man es zum Vaterland hat?
Tacitus,Germania
Es
war ruhig an der Grenze. Quintus Aponius von der cohors III.
Germanorum fragte sich manchmal, ob das nicht die Ruhe vor dem
Sturm war. Aber seit man ihn vor drei Jahren in dieses Grenzland am
äußersten Ende des Imperiums versetzt hatte, gab es bis auf
vereinzelte Scharmützel mit kleinen Gruppen der Barbaren keine
kriegerischen Auseinandersetzungen.
Eigentlich
hätte er es auch viel schlechter treffen können, dachte er.
Zusammen mit seinen drei germanischen Kameraden hier Grenzdienst zu
schieben, war so schlecht nun auch wieder nicht. Wenn man einmal von
diesen verflucht kalten germanischen Wintern absah, ließ es sich
hier durchaus aushalten.
Vor
einigen Tagen hatte eine Gruppe von reisenden Händlern an seinem
Turm angehalten. Sie hatten eine Erlaubnis des örtlichen Präfekten,
hier für einige Tage einen Handelsstand zu eröffnen. Das Geschäft
lief recht gut. Die Barbaren waren ganz versessen auf die feinen
Importwaren aus den fernen Winkeln des Imperiums.
Quintus
hatte selbst schon des Öfteren seinen kargen Sold aufgebessert,
indem er einiges in der nächsten Garnisonsstadt organisiert und an
seine Kontaktleute bei den Germanen verkauft hatte. Im Laufe der Zeit
hatte er gute Kontakte zu einigen Einheimischen aufgebaut, die
regelmäßig über die Grenze kamen. Zwar waren seine Kenntnisse
ihrer Sprache immer noch recht dürftig, aber seine germanischen
Kameraden konnten in solchen Fällen aushelfen. Einige der Barbaren
sprachen auch etwas Latein, genug um sich über einfache Dinge zu
verständigen.
Quintus
merkte, dass er mal wieder richtig Appetit auf etwas Süßes hatte.
Da traf es sich gut, dass heute scheinbar wieder Odarilke mit ihrem
Mann Thorgulf über die Grenze wollte. Sie hatte während des Sommers
öfter mal einen Topf Honig im Gepäck. Das wäre eine willkommene
Abwechslung in der ewig gleichen Kost der Legionäre.
Natürlich
speisten die Offiziere und Herrschaften im castellum
da ganz anders, das Beste aus allen Gegenden des Imperiums war grade
gut genug. Aber daran war natürlich für ihn als einfachen
Turmkommandanten nicht zu denken. Vielleicht hatte er Glück und
konnte ein Tauschgeschäft gegen eins der Tücher machen, die er von
seinem letzten Besuch in der fernen Heimat mitgebracht hatte.
So
betrachtet, hatte er eigentlich nichts dagegen, hier noch weitere
Jahre Dienst zu schieben. Dann vielleicht sogar schon in einem dieser
schicken neumodischen Steintürme, die neuerdings überall entlang
des Limes als Ersatz für die alten Holztürme aufgebaut wurden.
Wenn
er sich seinen Turm so ansah, dann hatte der seine besten Jahre schon
lange hinter sich. Das ursprüngliche Schindeldach war irgendwann
durch ein einfaches Strohdach ersetzt worden. Für das filigrane
Holzgeländer anderer Türme hatte es an Ihrem Turm auch nicht mehr
gereicht, da mussten eben einfache Bretter herhalten. Es zog im
Winter erbärmlich durch Ritzen und der kleine Ofen in der Wachstube
kam dagegen kaum an.
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| Quelle: wikimedia |
Da
machte so ein neuer Steinturm mit seinem strahlend weißen Anstrich
natürlich einen ganz anderen Eindruck. Die Barbaren lebten in
primitiven Häusern, oft mit ihrem ganzen Vieh unter einem Dach und
mussten auf alle Annehmlichkeiten verzichten, die für jeden Bürger
des Imperiums selbstverständlich waren. Die neuen Türme würden
ihnen nochmal die Überlegenheit des römischen Lebens deutlich vor
Augen führen.
Seit
Antonius Pius Kaiser war, wurden einige Anstrengungen unternommen,
den Limes weiter auszubauen. Wahrscheinlich lag das daran, dass die
Barbaren im fernen Britannien wieder unruhig wurden und der Kaiser
den Wall, den sein Vorgänger Hadrian dort hatte errichten lassen,
weiter verstärken ließ. Seit der schmählichen Niederlage des Varus
vor nunmehr 150 Jahren irgendwo in den Sümpfen des inneren
Germaniens war es im Grenzland eigentlich recht ruhig gewesen.
Aber
der Kaiser wollte wohl allen Eventualitäten vorbeugen. Nach einigen
Jahren der Strafexpeditionen ins innere Germanien, hatte Rom es
vorgezogen, sich nicht mehr auf die militärische Expansion in
Germanien zu konzentrieren und stattdessen lieber die Romanisierung
der besetzten Gebiete voranzutreiben. Vielleicht würde ja aus
Germania superior irgendwann eine genauso durch und durch römische
Provinz wie Gallien werden.
Odarilke
fragte sich wieder einmal, warum diese Römer eigentlich nichts
besseres zu tun hatten, als hier Tag und Nacht ihre lächerliche
Grenze zu bewachen und den kleinen Leuten ihre sauer verdienten
Sesterzen
mit Steuern und Zöllen gleich wieder abzunehmen. Immerhin gab es
unter Ihnen den einen oder anderen, der eigentlich ganz vernünftig
zu sein schien. Mit den germanischen Wachsoldaten konnte man sich
immerhin in der eigenen Sprache unterhalten. Der Turmkommandant,
dieser Quintus Aponius, konnte zwar kaum die heimische Sprache, aber
mit ihren paar Brocken Latein konnte man sich doch leidlich
verständigen und er hatte sich bisher eigentlich immer korrekt
verhalten.
„Vielleicht kann ich meinen Honig ja wieder gegen etwas
eintauschen und brauche gar nicht den Weg ins castellum
zu machen“, dachte Sie sich. Diese Römer waren ja ganz versessen
darauf, ihren Einheitsfraß mal mit einer Süßigkeit oder auch
Schinken oder Wildbret aufzubessern. Es waren wohl auch wieder
römische Händler am Turm, da würde sich vielleicht auch die eine
oder andere Möglichkeit zu einem lukrativen Handel ergeben.
Überall
an der Grenze wurden jetzt diese Steintürme aufgebaut, die den
Barbaren, wie die Römer uns nannten, wohl die angebliche
Überlegenheit der Römer zeigen sollen. Als ob es irgendeine Rolle
spielen würde, ob man in Steinhäusern wohnt oder nicht. Die
Bauweise unserer Häuser ist seit Urzeiten dieselbe geblieben. Warum
sollte das, was unsere Ahnen erdachten, für uns heutige nicht mehr
gut genug sein? Sollte Thorgulf jemals ein solch verweichlichtes
Exemplar von einem Mann werden, wie ich sie im castellum der
Römer sah, dann könnte er sich gleich eine neue Frau suchen.
Vielleicht unter diesen Lagerflittchen , die in der Garnisionsstadt
den Männern schöne Augen machten.
Seit
der ruhmreichen Schlacht gegen die Legionen des Varus, die vor
Generationen unsere Vorfahren weit im Norden schlugen, begnügten
sich die Römer mit ihrer jetzigen Grenze. Vielleicht glaubten sie
immer noch, das wir langsam ihre Sitten und Gebräuche annehmen und
genauso wie sie werden würden. Aber sie begriffen nicht, dass wir
zwar gern ihre Waren nehmen, die wir nicht selber herstellen. Aber im
Grunde können wir auf diesen Tand auch verzichten und weiter nach
den Sitten der Altvorderen leben.
„Immerhin gab es wenigstens seit
den Zeiten meiner Großmutter keinen großen Krieg mehr“, dachte
sie, und das war allemal besser, als sich wegen irgendwelcher
Männerprobleme gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.
Man würde
sich an der Oberfläche mit
den Römern arrangieren, aber sich doch eher fremd bleiben.
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Hier noch ein paar Fotos: